Das tapfere Rotkäppchen

 

Es war einmal ein kleines Mädchen, das jedermann liebhatte. Am allermeisten aber hatte es seine Großmutter lieb, die das Kind sehr verwöhnte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen aus rotem Samt, und weil es ihm so gutstand und es nichts Anderes mehr tragen wollte, wurde es von nun an Rotkäppchen genannt.

Eines Tages sagte die Mutter zu Rotkäppchen: „Hier hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring´das zur Großmutter. Sie ist krank und schwach und kann sich damit stärken.

Mach dich bald auf und sieh zu, dass du schön auf dem Weg bleibst, und nimm dich vor dem vor dem Wolf in Acht, denn er hat den Hirten schon sechs Schafe entrissen“. Also versprach das Rotkäppchen ihren Rat zu beherzigen und vorsichtig zu sein und brach mit Korb, Kuchen und Wein zur Großmutter auf.

 

Das Haus der Großmutter lag eine halbe Stunde vom Dorf entfernt im Wald und die Reise verlief ohne Zwischenfälle. Als das Rotkäppchen schließlich beim Haus der Großmutter ankam, fiel ihr etwas Merkwürdiges auf. Die Tür stand offen. Als sie dann reinging, blieb dem kleinen Mädchen vor Schreck fast das Herz stehen. Die ganze Hütte war total verwüstet worden. Die Teller und Tassen waren aus dem Schrank geworfen worden und lagen nun zerbrochen da, der Tisch war umgekippt und die Bettwäsche und die Kleider waren in tausend Fetzen zerrissen worden. Von der Großmutter fehlte jede Spur. Rotkäppchen dachte sich: „Das kann nur der Wolf gewesen sein, dieser fiese Schuft! Wenn doch nur der Jägersmann hier wäre!“ Vor drei Tagen hatte der Jäger nämlich verkündet, er würde für längere Zeit in den Wald aufbrechen um den Wolf zu jagen, nachdem dieser schon drei Schafe getötet hatte. Seitdem hatte niemand mehr etwas vom Jäger gehört und auch Rotkäppchen wusste nicht, wo er zu finden war.

Sie ging wieder aus der Hütte raus und entdeckte etwas, was sie zuvor nicht bemerkt hatte. Wolfsspuren, die hinter das Haus und weiter tief in den Wald hineinführten. Zuerst dachte Rotkäppchen daran, zurück Ins Dorf zu laufen um die Sache ihrer Mutter zu erzählen. Doch wenn später endlich der Jäger davon erfahren würde, wäre die Großmutter wahrscheinlich längst tot. Also nahm das kleine Mädchen all ihren Mut zusammen, nahm für den Fall ein Messer und ein Seil aus der Hütte mit und folgte der Fährte. Hundert Schritte von der Hütte entfernt verlor sie im Dickicht die Fährte und dachte, dass sie sie nie wiederfinden würde. Doch dann fand sie neue Spuren und dachte ihre Fährte wiedergefunden zu haben. Die neue Fährte führte Rotkäppchen weit vom Haus weg und immer weiter tiefer ins Herz des großen Waldes rein.

Es war schon Mittag, als die Wolfsspuren schließlich vor dem Eingang einer kleinen Höhle endeten. Als sie näherkam, Konnte das Rotkäppchen aus dem Innerem der Höhle lautes Nagen und Schmatzen hören. Das Mädchen lugte leise und vorsichtig in den Eingang hinein und konnte im Schatten der Höhle einen Haufen blutiger Knochen erkennen. Rotkäppchen konnte diesen grauenhaften Anblick kaum ertragen. Sie konnte es nicht glauben, dass die liebe, alte, nette Großmutter von diesem garstigen und diabolischen Untier von Wolf gefressen worden war. Doch sie wusste auch, dass jetzt keine Zeit zum Trauern war, sie musste einen Weg finden um den Wolf dingfest zu machen, bis endlich der Jägersmann herbeieilen konnte. Zum Glück war der Jäger früher zum Rotkäppchen stets nett gewesen und hatte ihr sogar einige Jagdtricks beigebracht, unter anderem wie man eine Schlingenfalle baut und Geräusche verschiedener Tiere nachahmt. Also formte das Rotkäppchen am einen Ende des mitgebrachten Seils eine Schlinge und band das andere Ende an einem starken, aber biegsamen Ast fest. Nachdem sie die Schlinge dann runtergezogen und mit einem Auslöser fixiert hatte, versteckte sich Rotkäppchen und ahmte das aufgeregte Grunzen eines Frischlings nach. Der Wolf musste anscheinend das Grunzen gehört haben, denn man hörte aus der Höhle kein schmatzen mehr. Dann hörte Rotkäppchen das Tapp tapp großer Pfoten und sah, wie der Wolf aus der Höhle trat. Mit seinem gewittergrauen Fell, seinen großen gelben Augen und der frisch mit Blut befleckten Schnauze sah der Wolf wirklich furchteinflößend aus. Das Tier hob seinen Kopf um zu schauen, wo denn der vermeintliche Leckerbissen sein könnte. Da berührte der Wolf ohne es zu merken den getarnten Auslöser der Falle und wurde von ihr wie ein Mehlsack in die Höhe geschleudert. Rotkäppchen trat triumphierend aus ihrem Versteck hervor. Der zappelnde Wolf bemerkte sie und rief: „He kleine was soll der Unsinn? Lass mich sofort hier runter!“. Rotkäppchen antwortete: „Das könnte dir so passen, du Bestie! Warte erst mal bis der Jäger kommt. Der wird dich häuten und dein Fell überm Kamin aufhängen für das, was du unserer Grußmutter angetan hast!“. Der Wolf schaute sie verdutzt an. „Großmutter?!, welche Großmutter?“,  fragte er. „Die die du gefressen hast!!“, erwiderte Rotkäppchen zornig und deutete auf den Knochenhaufen. Da wurde es dem Wolf sonnenklar. „Schau doch mal genauer hin du dummes Ding! Die Knochen gehörten keinem Menschen“. Und in der Tat, beim genaueren Hinsehen stellte sich der Haufen als Gerippe eines Wildschweins heraus. Ernüchtert half das Rotkäppchen dem Wolf aus der Falle herunter und erzählte ihm von ihrer verschwundenen Großmutter. Das kleine arme Mädchen tat dem Wolf leid und da fiel ihm ein, dass er in der vergangenen Nacht gesehen hätte, wie ein fremder Mann in die Hütte der Großmutter eingebrochen war und sie an einen Ort entführt hätte, von dem er auch wüsste, wo er lag. Nachdem Rotkäppchen sich mit einem Stück vom Kuchen gestärkt hatte, brach sie unter der Führung des Wolfes zum besagten Ort auf.

Es dämmerte schon, als die beiden zu einer kleinen, schäbigen und finster aussehenden Holzhütte kamen, aus deren Schornstein dicker Rauch quoll. Rotkäppchen schlich an eine Fensterdiele und lugte hinein. Sie sah einen seltsamen Raum mit Regalen an den Wänden, wo Gläser mit Dingen drinstanden, die Rotkäppchen noch nie gesehen hatte. In der Mitte des Raumes stand ein brodelnder Kessel, den eine dürre, runzelige, alte Frau mit einer langen Kelle umrührte. Was für eine schwarz – grüne Pampe die Greisin auch immer umrührte, es war gewiss kein Glühwein! Da nahm die Alte einen gläsernen Kelch und Rotkäppchen sah, dass da Blut drin war. Die Alte goss das Blut in den Kessel, der dann grünlich aufschäumte und sprach: „Endlich! Das Blut von sieben Schafen vollendet das Elixier, mit dem ich mir diese dummen Dorfbewohner gefügig machen werde. Sobald ich das Elixier über ihr Dorf regnen lasse, werden die Bewohner sich mir willenlos unterwerfen und als treue Diener weitere Zutaten für mein Werk sammeln und es im ganzen Königreich verteilen“. „Vergiss nicht, dass ich es war der die Schafe für dich getötet hat. Was wird nun aus dem Lohn den du mir versprochen hast?“,  fragte eine männliche Stimme und Rotkäppchen musste mit Schrecken feststellen, dass der Jägersmann der größenwahnsinnigen Hexe bei ihrem teuflischen Plan half.

Nun sprach die Hexe weiter: „Sobald ich das Königreich unterjocht habe, wird endlich, das Jüngste Gericht kommen und mit unserer Hilfe wird niemand den Satan aufhalten können der dich reich belohnen wird, treuer Jägersmann“. Der Jäger antwortete: „Die alte Schachtel die uns auf die Schliche gekommen ist, wird uns auf jeden Fall nicht mehr aufhalten“ und deutete nach rechts. Als Rotkäppchen dort hinsah, hätte sie fast laut aufgeschrien. Dort war nämlich die Großmutter in einer Käfigzelle eingesperrt worden und blickte ins Leere. Das kleine Mädchen musste sich was einfallen lassen um ihre Großmutter zu befreien und um das Dorf zu warnen. Da hatte sie eine Idee. Sie bat dem Wolf, dass er Krach machen sollte um die beiden Schurken aus der Hütte zu locken. Während der Wolf wie verrückt rumheulte und mit Stöcken um sich schmiss, sah Rotkäppchen, wie die abgelenkten Bösewichter durch die Tür rausgingen um den Störenfried zu finden. Dann öffnete sie das Fenster und schlüpfte rein. Die Großmutter bemerkte sie und flüsterte: „Rotkäppchen mein kleines, was tust du hier?“ Rotkäppchen antwortete: „Ich bin hier um dich zu retten Großmutter, der Wolf hilft mir dabei!“. Das Mädchen fand den Schlüssel und wollte gerade den Käfig aufschließen. Da packte sie plötzlich von hinten eine starke Hand. „Sieh mal einer an, das kleine Rotkäppchen ist gekommen um ihre Schachtel von Großmutter zu retten, wie rührend“, meinte der Jäger. „Gib mir das Ding mal her“, sagte die  Hexe, nahm das Rotkäppchen und betrachtete es. „“Das junge Ding verspeise ich morgen zum Frühstück“, lachte die Alte. Plötzlich trat jemand gegen die Tür. Die Hexe und der Jäger schauten auf. Diese Chance nutzte Rotkäppchen. Sie trat der Hexe gegen das Bein, dass ihre schwachen Knochen brachen. Blind vor Schmerz ließ die Hexe das Mädchen los, das sich mit aller Kraft gegen den Kessel stemmte und ihn umwarf. Der Inhalt ergoss sich auf dem Boden und setzte die Hütte in Brand. Rotkäppchen schnappte sich die Schlüssel und befreite die Großmutter. Doch wegen dem Rauch konnten die beiden nichts mehr sehen, sodass sie fürchteten zu ersticken. Da fühlte Rotkäppchen Fell in der Hand. Es war der Wolf, der Rotkäppchen und die Großmutter aus dem brennenden Versteck führte, während die Hexe und der Jäger qualvoll in den Flammen starben. In der Nacht führte der Wolf sie sicher zurück zum Dorf und sie bedankten sich vor dem Abschied bei ihm herzlich.

Wie überglücklich die Mutter war, als das Rotkäppchen und die Großmutter wieder bei ihr zu Hause erschienen. Die Beiden erzählten ihre Geschichte und alle im Dorf freuten sich, dass sie wieder daheim waren. Nach allem was passiert war, verließ die Grußmutter ihr Waldhaus und zog ins Dorf ein. Rotkäppchen hatte bei ihrem Abenteuer vor allem zwei Dinge herausgefunden: dass der Wolf nicht so böse war wie sie gedacht hatte und dass sie mutiger und tapferer sein konnte als sie es je gedacht hatte.

 

 

                                       

                                                             Ende

             

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